Reiten aus dem Herzen heraus
7.3.2011, Davide Randone
Der Wecker klingelte, die Augen richteten sich auf die Uhr, welche 2:45Uhr anzeigt. Mitten in der Nacht ging es ab in den Stall, wo wir die Pferde verluden. Mit dem Ziel, mich für die kommende Saison optimal vorzubereiten und viel zu lernen, haben wir den langen Weg von über zwölf Stunden in Richtung Norden auf uns genommen. Die Pferde standen die ganze Fahrt lang ruhig und machten bei den Zwischenhalten einen sehr relaxten Eindruck. Nachmittags verliessen wir die Autobahn und bereits nach 3 Minuten gab das Navigationssystem die Anweisung, rechts in einen Feldweg einzubiegen. Das Lustige daran war, dass es dann meinte: ,,Sie haben Ihr Ziel erreicht! ‘‘, obwohl weit und breit kein Haus, geschweige denn ein Gestüt zu sehen war. Wir fuhren auf dem Feldweg weiter und schon nach wenigen Minuten erblickten wir einen wunderschönen Hof und einen Mann, der lächelnd winkte, nämlich Hajo Willms.

Der Hof schien ein Paradies für jeden Pferdenarren zu sein; Weiden so weit das Auge reicht, Paddocks auf welchen junge und ältere Pferde entspannt im Sonnenschein liegen und andere, die sich im vollen Galopp austoben, ein riesengrosser Springplatz, ein schönes 20x60m-Dressurviereck und eine 20x40m-Halle und eine endlos lang erscheinende Galoppbahn. Doch das Schönste: eine Ruhe, wie man sie bei uns in derart grossen Ställen nicht kennt, welche auch das Training in den folgenden Tage optimieren würde. Die Pferde wurden sofort ausgeladen und durften in ihr – für die nächsten zwei Wochen – neues Zuhause einziehen. Wir Zweibeiner assen zusammen etwas, und gleich anschliessend begannen wir mit dem ersten Training, da ich am nächsten Tag an einer Springprüfung teilnehmen würde. Das Training verlief super, die Pferde waren trotz Reise überaus motiviert.

Am nächsten Tag ging es an ein Springturnier, welches höchst interessant war: Die Leute waren trotz schlechtem Wetter alle fröhlich, motiviert und sehr nett, auf dem Abreitplatz herrschte kein Chaos, und auf der Preisliste der Festwirtschaft war nichts teurer als zwei Euro. In einem Zeitspringen (ca. 120cm Höhe) wurde ich mit Happiness Dritter. Beim Abendbrot wurde der gesamte Tag, die Ritte wie auch das Abreiten und das Drumherum reflektiert.
Der Sonntag verlief ruhig, wir machten mit den Pferden ein leichtes Training, danach wurde es Zeit, Papa an den Flughafen zu bringen.
Ich habe mich sehr schnell eingelebt, das Zusammenleben war äusserst harmonisch. Ich durfte während der ganzen Woche immer wieder Pferde von Hajo Willms reiten, von denen ich Vieles lernen durfte. Die Pferde waren alle wunderschön, und einer war besser und angenehmer zu reiten als der andere. Auch mit meinen eigenen Pferden ging es unglaublich vorwärts, wir machten grosse Fortschritte und das Training machte unheimlichen Spass. Auch neben dem Reiten selbst wurde an uns geschliffen, mehrere 'Kleinigkeiten' mussten geändert werden. Am Anfang war es vielleicht ein bisschen seltsam, da wir immer versuchten, das Beste für unsere Pferde zu tun, und auch glaubten dies zu erreichen. Es gab einige Dinge zu ändern und alles in allem führte dies zu einem Optimum, von dem ich sicher bin, dass es anhalten wird.
Auch beim Abendbrot hatten wir ständig sehr lehrreiche Diskussionen über Pferde, bei denen ich von der jahrzehntelangen Erfahrung von Hajo und Andrea lernen konnte. Die Stimmung war immer sehr fröhlich und wir haben uns sehr gut verstanden. Auch während dem Reiten war eine sehr gute Verbindung zwischen Trainer und Reiter vorhanden, welche das Training optimierte.
Die Tage vergingen sehr schnell, denn schon war Donnerstag und Zeit, Tatjana am Flughafen abzuholen. Eines war jetzt nach einer Woche schon klar, ob Happiness, Henry oder ich: niemand würde uns wieder erkennen! Ein klein wenig verspätet trafen wir am Flughafen ein, doch weit und breit keine Tatjana zu sehen. Die Herzschläge erhöhten sich, da wir befürchteten, Tatjana, welche das erste Mal in ihrem Leben alleine reiste, verpasst zu haben. Doch glücklicherweise stellte sich heraus, dass der Flieger schon mit Verspätung abgeflogen war! Als wir Tatjana dann endlich gefunden hatten, fuhren wir mit dem Auto zurück. Tatjana war noch sehr schüchtern, doch Hajo brach das Schweigen durch ständiges Nachfragen. Zurück auf dem Gestüt Oldenburgerland hatte Tatjana, gleich nachdem sie ihr Gepäck im Auflieger deponiert hatte, ihr erstes Training. In diesem Training kam Hajo ans Ende seiner Nerven, Tatjana liess sich auf dem Pony transportieren und ritt kaum vorwärts, ohne den geringsten Aufwand ihrerseits. Doch über Nacht schien Tatjana verstanden zu haben, dass sie hier nicht als kleines Mädchen, sondern als junge Frau mit einem Ziel angeschaut und ernst genommen wurde, denn in der nächsten Reitstunde ritt sie auf einmal engagiert wie nie zuvor und Ayshe, das Pony, lief innert kürzester Zeit korrekt am Zügel, während dem es sich kraftvoll, schwungvoll und äusserst engagiert bewegte. Hajo und auch ich kamen nicht aus dem Staunen heraus, wie sich Tatjana über Nacht von einer passiven in eine aktive Reiterin verwandelt hatte.


Samstags ging es nach Vechta an ein Hallencrosstraining. Meine zwei Pferde blieben zuhause, ich durfte allerdings Sir Sunshine bei dem Training reiten. Tatjana ritt ihr Pony, und eine Dame ritt zwei weitere Pferde vom Gestüt Oldenburgerland; es war für beide das erste Mal. Tatjana hat das Training super gemeistert, ich selbst hatte einen riesen Spass mit Sir Sunshine, welcher seit der Hengstleistungsprüfung das erste Mal Geländehindernisse sprang. Auch hoch interessant war zu sehen, wie die zwei jungen Pferde an die Hindernisse heran geführt wurden und wie gut sie ihren Job dann machten. Es schien, als hätten sie richtig Spass daran gefunden.


Am Nachmittag hatte ich noch ein Training mit Happiness und Henry. Danach hiess es schnell Stall machen, duschen und sich anziehen, denn dann ging es an die Hengstschau in Vechta. Ich war das erste Mal an einer Hengstschau. Man wurde richtig in einen Bann gezogen, denn diese Hengste hatten einen unvorstellbaren Ausdruck und überzeugten in ihrem Metier. Die Hengstschau war sehr dressurbetont, was mich erfreute, da man alleine vom Zuschauen sehr viel lernen konnte. Diese Profi-Dressurreiter zeigten ihre Perfektion und durften auch ständig Applaus entgegennehmen.
Die zweite Woche verging wie im Flug, Tatjana machte unvorstellbare Fortschritte, sie lernte nicht nur zu reiten, sondern auch Vieles fürs Leben, sie verlor ihre scheue Art, sie redete, sie arbeitete, und sie ritt wie eine Dressur- und oftmals noch besser, nämlich wie eine Vielseitigkeitsreiterin. Ayshe lief unbeschreiblich, niemand hätte gedacht, dass derart viel Potenzial in dem Pony steckt. Happiness und Henry liefen von Tag zu Tag immer besser, und ich lernte richtig zu sitzen und richtige Hilfen zu geben. Auch neben dem Training auf dem Pferd gab es immer wieder Trockenübungen, von denen wir sehr profitieren konnten, da wir so etwas vorher noch nie gemacht hatten.

Wir beide durften täglich Pferde von Hajo und Andrea reiten, für Tatjana war es Premiere, auf einem derart grossen Pferd wie Sir Sunshine zu reiten, doch die beiden verstanden sich sehr gut und der mächtige Sir Sunshine, der lange Hengst war, lief ausgezeichnet unter ihr. Ich durfte auch immer wieder Sir Sunshine reiten, von dem ich Vieles lernen und auf meine Pferde übertragen konnte, so wie auch Youngsters, die zu reiten mir grossen Spass machte. Die Pferde sind schon von Jung auf sehr gelassen, dies liegt wohl an der seriösen Art und Weise wie Hajo und Andrea die Pferde aufziehen und ausbilden.
Am zweitletzten Tag kam für mich der Höhepunkt dieser zwei Wochen; nicht ein Traum wurde wahr, nein, mehrere auf einmal: ich durfte den Zucht- und Dressurhengst Sir Willson reiten, welcher über enorme Gangarten, einen mächtigen Körperbau und über ein Können wie kein anderer verfügte. Aber dies war noch nicht alles, ein weiterer Traum, der in Erfüllung ging, abgesehen davon einen Profi-Dressurhengst zu reiten, war, einen Profi-Dressurhengst auch noch zu springen! Nach diesem Ritt war mir klar, woher seine Nachkommen dieses überdurchschnittliche Vermögen aus springtechnischer, wie auch aus dressurtechnischer Sicht haben.
Als Papa Ende Woche ankam, mussten wir uns leider schon von Hajo verabschieden, da er zu einer Richter-Weiterbildung nach Warendorf musste. Die Verabschiedung war ein trauriger Moment, da die wohl mit Abstand besten zwei Wochen, seit wir mit Pferden etwas zu tun haben, schon vorbei waren. Mit Andrea gingen wir abends noch essen. Auch von ihr durfte ich während dieser zwei Wochen sehr viel lernen, vor allem bezüglich Dressur.
An dieser Stelle möchte ich mich herzlichst bei Hajo Willms und Andrea Deufel für diese super genialen zwei Wochen bedanken! Wie aber auch beim Swiss Eventing Club, welcher es mir ermöglichte diesen Kontakt zu knüpfen.