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17.5.11/cam. Baar war wie immer tadellos organisiert vom grossen Helfer-Team um Urs Wächter. Crossbauer Stephan Döll bot dieses Jahr auch einige neue Sprünge und eine teilweise neue Streckenführung. Für die Sti(e)l-Augen, mit denen Susi Meyer und ich die Strecke anschauten, waren vor allem die Kombinationen 10A-B mit den beiden schmalen Hecken, die Wasserkombination 12 ABC mit der scharfen Wendung nach rechts auf die beiden Gräben 13 und 14, die zweite Teichpassage mit dem schmalen kleinen Tiefsprung am Schluss und die Astgabel Nummer 20 nach dem letzten Anstieg interessant. Übers Ganze gesehen gab es viele erfreuliche Bilder mit entschlossenen ReiterInnen, die sich bemühten, ihre Pferde geschlossen vor dem Bein in gutem Rhythmus an die Hindernisse heranzuführen. Doch die hügelige Landschaft mit den teilweise langen Steigungen machte einigen Paaren zu schaffen. Man sah nicht nur müde Pferde, die sich nur noch mit letzter Kraft und schwunglos über die Astgabel (Sprung 20) hievten, sondern auch ReiterInnen, die noch etwas zulegen dürften im Bereich Fitness. Wer die Kraft nicht hat, sich ein paar wenige Minuten im leichten Sitz zu halten und bei jedem Galoppsprung in den Sattel plumpst oder - noch schlimmer - schon gar nicht mehr aus dem Sattel hochkommt und den grössten Teil der Geländestrecke ausgesessen hinter sich bringt, gehört eher ins Fitness-Studio als auf eine Geländestrecke - finden wir. Wenn die mangelnde Fitness des Reiters und die Müdigkeit des Pferdes zusammenkommen, wie dies in Baar bei einigen Paaren bei Sprung 20 der Fall war, kann es sogar in einer so winzigen und schön gebauten Basisprüfung gefährlich werden. Im Nachhinein kann man sich vielleicht auch fragen, ob man in Erwartung von etwas müden Paaren nach der langen Steigung gegen Ende der Geländestrecke nicht einen etwas freundlicheren Sprung hinstellen sollte. Andererseits ist das Herunterschrauben der Anforderungen immer ein zweischneidiges Schwert: Es passiert so vielleicht weniger, aber die ReiterInnen kriegen dann auch keinen Anreiz, mehr für ihre Fitness und die Ausdauer des Pferdes zu tun.
Sinn und Zweck des Stilcups ist ja nicht nur, das ästhetisch schöne, elegante , sondern primär das funktional-sichere Geländereiten zu fördern. Wir sind der Überzeugung, dass all die Punkte, die wir bewerten im Bereich Rhythmus, Einwirkung, Sitz und Führung auch für das sichere Überwinden der Hindernisse und das Bewältigen der ganzen Strecke relevant sind.
Zur Erinnerung noch einmal die für's Geländereiten von Stilrichter Hannes Wendt adaptierten Kriterien der 'Skala der Ausbildung'.
Takt bzw. Rhythmus
Losgelassenheit
Anlehnung
Schwung
Geraderichtung
Versammlung

Rebekka Wermuth, Ilona, 8.7 (hier beim Stilfinal 09 im NPZ Bern)
(Leider kein Foto von Nicole Beugger)

Bettina Sartori mit Rabin (hier beim Stilfinal 2010 in Ersigen)
Bei den besten Stilistinnen in Baar konnten (fast) alle diese Punkte positiv bewertet werden, was die hohen Noten rechtfertigte. Die Runde von Rebekka Wermuth mit ihrer leichtfüssigen und knatterfiten Ilona war gar eine Augenweide. Aber auch Nicole Beugger liess keinen Augenblick Zweifel aufkommen, was sie wollte. Ihre Jalma de Gruchy war stets geschlossen, vor dem Bein und galoppierte wie an der Schnur gezogen auf der gewählten Linie. Stilistisch perfekt war auch die Position und Linienführung von Bettina Sartori mit Rabin (3.) und Marisa Cortesi mit Peanuts (4.). Hier war es einzig die - wahrscheinlich dem eher weichen Boden geschuldete - etwas verhaltene Kadenz, die die beiden erfahrenen internationalen CC-Reiterinnen hinter die beiden Spitzenpaare brachte. Leider haben wir (noch?) keine Fotos vom Anlass. Unsere beiden Schreiberinnen waren voll ausgelastet im Kampf mit wegflatternden Blättern, nassen Kugelschreibern, schmierenden Filzstiften und zwei plappernden Experten, sodass keine Hände mehr frei waren für's Fotografieren. Wider Erwarten gab es am perfekt vorbereiteten Gabentisch mit den von Kabashi-Schleifservice gesponserten Naturalpreisen kein Gerangel unter den Damen, obwohl es sich bei den Preisen nicht etwa um Schermesser, sondern um schöne, neue Reitbekleidungsstücke handelt, die der sympathische Schleifspezialist aus verschiedenen Markenkollektionen zusammengekauft hat.
Der reitpädagogische Hintergedanke hinter dem Stilcup
Fast noch wichtiger als die Topreiterinnen sind uns aber die weniger starken Paare. Wir versuchten, in den Stilbewertungsblättern Tipps zu geben, wie das sichere, funktionale und stilistisch überzeugende Geländereiten optimiert werden könnte. Nur: damit diese Tipps auch ankommen, müsste man die Blätter abholen nach der Preisverteilung, genau so wie die Dressurblätter. Der ganze Witz kritischer Bewertungen liegt ja darin, dass man nicht einfach den Status quo festhalten, sondern die Entwicklung positiv beeinflussen möchte. Wenn uns der Reitlehrer nur rühmt bis über den grünen Klee, sind wir vielleicht kurzfristig stolz - aber wir bleiben stehen. Erst wenn wir lernen, mit der Kritik umzugehen und sie positiv für unsere Reiterei zu nutzen, erfüllt sich ihr Sinn und Zweck.
Meinungsäusserungsfreiheit und Mündigkeit
So banal diese Einsicht klingt, so grosse Mühe haben viele Rösseler damit, nicht nur bei der Bewertung ihrer Dressurprogramme und Geländeritte. Und ist die Kritik dann noch anderen zugänglich, weil sie in irgendeinem Medium erscheint wie zum Beispiel dieser Online-Zeitschrift, verlieren viele völlig die Contenance. Schimpfen in allen Tonlagen, über alles und jeden, vernichtend und pauschal - all das ist für viele normalster Alltag, solange es am Stammtisch, in der Festwirtschaft, im privaten Rahmen erfolgt. Dann wird vom Leder gezogen und die ganze Welt durch den Schlamm gezogen. Sobald es aber darum ginge, für seine Ansicht gerade zu stehen in der Öffentlichkeit, sich auch Gegenargumenten zu stellen und seine Ansicht vielleicht zu revidieren, zeigen sich viele dieser Stammtischhelden und -heldinnen überfordert und ziehen feige den Schwanz ein. Für mich ein Hinweis dafür, dass es sich nicht um mündige Bürger eines demokratischen Staates handelt, in dem Meinungsäusserungsfreiheit herrscht - in dem man sich aber auch dem Gegenwind anderer Ansichten aussetzen muss.
Natürlich darf man auch die Meinung vertreten, niemand anders als man selbst dürfe eine Meinung vertreten. Man muss dann allerdings soviel Macht ansammeln, dass man entweder wie Berlusconi möglichst alle Medien im eigenen Besitz hat und damit steuern kann, was an die Öffentlichkeit dringt - wenn man als Staatschef dann auch noch die Gesetze jederzeit dem eigenen Gusto anpassen kann, ist man besonders gut positioniert, um Kritik zu verunmöglichen - und scheitert trotzdem früher oder später. Mehr Chancen hat man in einer Diktatur - allerdings nur, wenn man Diktator ist. Dass auch das auf die Dauer nicht nachhaltig klappt, zeigen die aktuellen revolutionären Bewegungen in der arabischen und afrikanischen Welt.
Fazit aus meiner Sicht: man darf jederzeit jede mögliche oder unmögliche Ansicht vertreten, in der Rösselerei oder sonst einem Bereich, wenn man die Verantwortung dafür übernimmt und sich Gegenargumenten stellt - und sich immer bewusst bleibt, dass es sich um MEINUNGEN handelt und dass niemand die absolute Wahrheit gepachtet hat. Das einzige Argument, das in einem demokratischen Staat mit freien Medien nicht zieht, ist das Verbot freier Meinungsäusserung. Auf diesen Umstand wurde vor kurzem auch unser Verbandspräsident mit erfreulicher Deutlichkeit hingewiesen und ich dopple mit Vergnügen nach. Wer sich an irgendeiner Debatte beteiligen möchte, tue dies frisch und fröhlich. In dieser Plattform haben wir sogar eine Feedback-Funktion, wo das jede und jeder zu jeder Tages- und Nachtzeit frei von der Leber weg tun kann. Aber wer welche Debatte auch immer oder gar Kritik allgemein verbieten will, der möge sich doch einfach aus dem Medium - oder noch besser: aus dem demokratischen Kollektiv - ausklinken. Ich kann mir kaum vorstellen, dass ihm/ihr irgendjemand eine Krokodilsträne nachweinen wird.