Hochzeit Anita und Alex

 

Festgemeinde! Hochzeitspaar

Alles ist so wunderbar

Fortgeschritten ist die Nacht

Und ihr habt euch wohl gedacht

Dass der Hühnerhaus-Poet

Heut an euch vorübergeht

Ganz bescheiden moderiert

Nicht nach eigenem Auftritt giert.

 

Weit gefehlt! – Denn die Versuchung

Wirket mehr als die Verfluchung

Die mir heute Abend spat

Droht ob meiner schnöden Tat.

 

Lasst uns nun die Blicke richten

Auf die grauslichsten Geschichten

- Alles wahre! Keine Enten! -

Von den Ehe-Kontrahenten:

 

Gleich das Schlimmste: Ist es Liebe?

Sind es mehr als trübe Triebe

Die die zwei zusammenführen

Gründe, sich zum Paar zu küren?

 

Sind es nicht nur Wohlgerüche

Tretend aus Anitas Küche

Die den Bräuterich umgarnten

Ohne dass wir ihn recht warnten?

 

Quatsch! Dies können wir verneinen

Denn – erzogen von den Seinen –

Lernte Alex früh schon kochen

Hat auch immer Fleisch am Knochen

Nie würd's Essen er vergessen

Und fast wichtiger als Rossi

Ist ihm seine Betti Bossy

Bücherwand wär leer – oh Graus!

Nähm' man Betti Bossy raus!

 

Doch er ist nicht nur ein Fresser

Nein, er kocht um Längen besser

Also manch Profikoch mit Sternen

Ja, wir können von ihm lernen!

 

Hier ist also keine Not.

Auch allein gäb's mehr als Brot!

Doch die grossse Freud' am Futtern

Und am Gratin-Formen buttern

Die er mitgekriegt von Muttern

Teilt er gern mit seiner Frau

Denn auch sie kennt keinen Stau

Leidet nicht an Ess-Blockade

Sieht sie was aus Schokolade

Und es zieht sie in die Nähe

Mariannes Apfelwähe.

 

Überhaupt die Stipp-Visiten

Im Neuacher sind längst Riten:

Vor dem Reiten – nach dem Reiten

Rituell zum Kühlschrank schreiten

Einen Blick in Schrank und Töpfe:

Hat's noch Jogis, Käse, Zöpfe

Irgendwas mit einem Datum

Das ein kolikfreies Fatum

Uns beschert die nächsten Tage?

Denn berechtigt ist die Frage

Nach dem Datum des Verfalls

(S'Susi bhaltet nämlich alls!)

 

Und in winzig kleinen Töpfchen

Modern hier noch 17 Tröpfchen

Von dem Sugo vor zwei Wochen

Den Klein-Silas hat erbrochen

Da drei Hörnli, dort ein Blätzli

Das dem lieben Dieter-Schätzli

Wenn er in der Küche weilt

Ganz von selbst entgegeneilt

 

Doch zurück, solang ich stehe

Zu den Gründen dieser Ehe

Sind's die Künste seiner Braut

Auf dem Pferd, auf die er baut?

 

Sie kann das, was er gern könnte

Was er aber gern ihr gönnte

Ja, er dient ihr gross und edel

Auf Turnieren mit dem Wedel

Putzt und stollt und lädt, chauffiert

Zäumt und sattelt, bandagiert

Ist er nicht ein Traumbegleiter

Für den Profi-Wettkampfreiter?

 

Nur der Reitkunst wegen? – Nein

Das allein kann es nicht sein!

Lasst uns noch den Fokus drehen

Aus Anitas Augen sehen

Was macht IHN so attraktiv

Ist es Liebe, wirklich tief?

 

 

Ist es seine grosse Treue

Die ihn abhält, eine Neue

Nur von ferne anzukucken

Oder gar ans Herz zu trucken?

 

Ja, der Alex hat Talent

Für die Ehe denn er rennt

Tag und Nacht für seine Braut

Die ihm vollumfänglich traut

 

Denn den Test mit 17 Frauen

Blutt und sexy anzuschauen

Und daneben ein Glas Bier

Perlend kühl mit Schaum als Zier

Freie Wahl nun auszuwählen…

Konnt ihn kein Momentchen quälen!

 

Ja der Ehemann – Proband

Locker diesen Test bestand

Ohne einen Blick zur Seite

Griff er zielbewusst ins Weite

Nahm das Bier und schloss die Augen!

 

Solche Mannen! Solche taugen!

Liebend zärtlich mit der Gattin

Doch kein Blick zu der Mulattin

Und als einz'ges Zusatz-Lüstchen

Sicher nicht ein fremdes Brüstchen

Wenn schon Fleisch, dann nur Grilliertes

Wenn Verlangen stilisiertes

Und statt Lust auf warme Lippen

Nur am kühlen Glase nippen.

Ja aus so solidem Holz

Ist ein Ehemann! Sei stolz!

 

Doch sie teilen auch die Sorgen

Wenn sie manchmal - um's verworgen

Auch noch mitten in der Nacht

Dass es scheppert, rumpelt, kracht

Und der ganze Hof erwacht

Decken wechseln – denn s'hat viele

Das gehört zum Rössli-Spiele –

Und die zarten Rössli-Leiber

Frösteln schneller als die Weiber!

Da gibt's fast pro Grad ne Decke

Ein Grad kälter? – Wehe, Schrecke

“Nimm die Bucas mit dem Futter

Zwei Grad wärmer? Ruf die Mutter

Such die Leichte gegen Wind!

Halt, es tröpfelt! Bring geschwind

Jetzt die Sommerregenfeste

Nein, die Blaue ist die Beste!

Ja wir sahen heut mit Schock

Dass sogar der Hochzeitsrock

Beim Parcours das Stütchen ziert

Dass das Tierchen nicht erfriert.

 

“War's ein Husten oder Schnauben?

Das wird uns den Schlaf heut rauben!

Schnell ein Fiebermesser her!“

Also geht es kreuz und quer

Warmes Futter, Schaffellkissen

 

“Meinst, er wird uns fest vermissen

Wenn er ohne uns muss schlafen

Wird er mich dafür bestrafen?

Halten gar beim nächsten Graben

Oder nicht schön Mitteltraben?“

 

So um Mitternacht wird's Stille

Doch um sechs – es ist ihr Wille

Reiten Sohn und Vater aus

Und der Vater – welch ein Graus

Lebt die Liebe zu Maschinen

Zu Traktoren und Turbinen

Heut am Ross-Staubsauger aus

Kinder! Welch ein Ohrenschmaus!

 

Also keine faulen Gründe

Nicht das Kochen, nicht die Pfründe

Nicht die Reitkunst nicht die Sünde

Nein es muss bei diesen Zwein

Lauter reine Liebe sein!

Liebe und Gemeinsamkeiten

Werden sie durch's Leben leiten

 

Solltet ihr dereinst mal streiten

Hab ich beiden einen Rat

Tut es als Versöhnungstat:

 

Alex : üb' auf allen Vieren

Eine Kolik simulieren

Und du kannst dir auch erlauben

Heftig wie ein Pferd zu schnauben

Sie wird schmelzen und dich pflegen

Rette so den Ehe-Segen!

 

Umgekehrt, Anita, du:

Tut er mal wie eine Kuh

Setz dich in ein Riesenglas

So ein Münchner Monster-Mass

Krön dein Haupt mit etwas Schaum

In Erfüllung geht der Traum:

Es gelingt, ihn einzuseifen

Gierig wird er nach dir greifen

Ja, sein Herz wird wieder weit

Und vergessen ist der Streit!

 

Doch was woll'n wir heute planen

Lassen sich doch Gottes Bahnen

Nicht vom Menschengeist erahnen

Denkt was uns der Pfarrer weise

Riet für unsre Lebensreise:

'Lebet HEUTE und nicht morgen

Und zerfleischt euch nicht in Sorgen'

Sei es Liebes, sei es Leides

Unser Herrgott segne beides

Wer nicht beides lässt herein

Kann ein ganzer Mensch nicht sein.

 

Ihr habt noch vor wenig Tagen

Schmerzlichen Verlust ertragen

Heut ist aber ohne Frag'

Feier, Fest- und Freudentag!

 

Und jetzt reicht's! Genug der Worte

Denn uns wartet noch die Torte!

(Löwen, Meilen, 26.6.2004, Christoph Meier)