KINDER, KINDER...

Gibt es etwas Schöneres als Eltern, die ihre Kinder in ihrem selbstgewählten Tun mit voller Kraft unterstützen - rhetorische Frage; wohl kaum, ausser es handle sich um kriminelles Tun, und darunter fällt der Reitsport ja nur bei ganz wenigen, fanatischen "Tier-Schützern".

Neiderfüllt sehe ich die chromblitzenden 'Cherokees' mit den topmodernsten 'Böckmanns' im Schlepp anrollen. Papi führt den bis zu den Ohren in familien-farbene Schutzhüllen verpackten Crack im Ankaufswert eines mittleren Einfamilienhauses behutsam aus dem Hänger, die wohlbesorgte Mutti eilt bereits mit dem goldbeschnallten Zaumzeug herbei - derweil Bubi im weissen Dress noch ein paar Runden mit dem 21-gängigen Mountain-Bike dreht bzw. Töchterchen zum x-ten Mal 'lip-gloss' aufträgt und den Sitz des perlen-besetzten Haarnetzes prüft.

Leicht mit dem Schicksal hadernd denke ich dann an meinen Vater - und an meinen Sohn! - die beide mit derselben japanisch-chinesischen, ausgesuchten Höflichkeit ein- bis zweimal jährlich einen Papiersack mit getrocknetem Brot in unseren Stall stellen. Ab und zu - wohl um mir eine besondere Freude zu machen - strecken sie den komischen, grossen Tieren unter Überwindung aller unangenehmen Gefühle und Wahrung grösstmöglicher Distanz mit flach verspannter Hand so ein Brotstück hin und sind froh, wenn sie nach dieser Mutprobe noch alle Finger an der Hand vorfinden. Dass sie dabei meinen bildschönen, sporterprobten, irischen Vollblüter mit dem massigen Friesen-Pensionär verwechseln - darüber kann ich in solchen Glücksmomenten grosszügig hinwegsehen.

Zugegeben, die Familien-Unterstützung kann auch ins Leid führen, beiderseitig, notabene. Vor allem dann, wenn elterlicherseits hinter dem ganzen Engagement die Einstellung steckt: 'Meine Kinder sollen es leichter haben als ich - und sie sollen es vor allem weiter bringen als ich'. Dies führt zu den bekannten Bildern, die - wären sie nicht zum Heulen - zum Lachen reizen. All die fettleibigen, schieläugigen, mutlosen oder aus tausend anderen Gründen selbst im Reitsport nie Erfolgreichen, die ihre Kids sozusagen als verlängerte Arme zur Erfüllung eigener unerfüllter Wünsche missbrauchen - Eignung bzw. Freude der zwangsweise Geförderten hin oder her: "Wenn wir Dir schon alles ermöglichen, hast Du gefälligst zu reiten und Erfolg zu haben - andere wären froh..."

Frust aber auch bei den Eltern, die bewusst Kinder fördern, die Freude und Talent mitbringen, denen aber einfach der letzte 'Biss' fehlt, dieses 'angefressene' Engagement weniger unterstützter Jugendlicher, die Beseeltheit vom Wunsch, nur schon auf einem Pferd sitzen zu dürfen, geschweige denn zu galoppieren oder über einen Baumstamm zu hüpfen. Diese glühende Pferde-Verrücktheit, die zu schier unglaublicher Anstrengung und erstaunlichstem Verzicht treibt: locker werden Ferien am Meer, Disco, Faulenzen und hundert andere Vergnügungen hingegeben, um dafür beim Bauern den alten Freiberger auszumisten, zu pflegen und spazierenzureiten. - Das ist kein - oder nicht nur - nostalgischer Kitsch! Das gibt's auch im Nintendo-Zeitalter noch (oder erst recht wieder?).

Funktionieren tut's in aller Regel dort mit der Familien-Unterstützung, wo sie eigentlich gar keine bewusste, direkte ist, wo die Kinder einfach von der Begeisterung - und vielleicht auch vom Erfolg - der Eltern angesteckt werden, wo sie sehen, dass diese glücklich und erfüllt sind in ihrer Tätigkeit, wo sie von sich aus dasselbe ausprobieren wollen, um auch mal so strahlen zu können wie Mami nach dem Grand-Prix oder Papi nach dem Cross...(oder umgekehrt, ihr lieben Feministinnen und Quoten-Regler!).

Ich kenne ein Musiker-Ehepaar, dessen fünf Kinder alle auch Berufsmusiker wurden, weder krampfhaft unterstützt noch gedrängt - einfach, weil es anscheinend so riesig Freude macht, Musiker zu sein...