DIE MIT DEN ESELN SCHWANZT

Sorgfältig breite ich den Gebetsteppich vor der Boxe meines Irländers aus, haargenau Richtung Braunland gerichtet (weil dort wohnt unser Guru!), stelle die Meditationsmusik ein bisschen lauter und entzünde das Räucherstäbchen in der brandsicheren Flasche. Wieviele Tropfen der eigens für uns gemixten Flussblüten-Essenz? - Ich blättere in meinen umfangreichen Kursunterlagen; ja, hier: 7 Tropfen kurz vor Sonnenaufgang (ich wage gar nicht daran zu denken, wie das Problem an einem nebligen Tag gelöst werden muss?) - so, und jetzt ganz zärtlich das 461te Schweifhaar massieren, und dann - sollte sich das Pferd wie von Geisterhand berührt lösen. Mein Ire denkt nicht im Traum daran: er schnaubt wütend, weil ich ihm mit den Flussblütentropfen den Hafergeschmack im Maul versaut habe und schnorchelt gegen die ihm nicht ganz geheure Räucherstäbchen-Flasche - schliesslich kann er sich genau erinnern, wie ich einmal eine im Stall rauchende Pflegerin nett, aber bestimmt die Koffer packen hiess. Auch sonst ist ihm überhaupt nicht nach Entspannung zumute, voller Tatendrang scharrt er dem Futter, der Weide und dem Ausritt entgegen. Was habe ich da wohl wieder falsch gemacht? Ob ich vielleicht doch noch einmal die energetische Imaginationsmethode versuchen sollte? Mit der linken Hand die gute, weisse Energie ins Pferd hineingeben und mit der Rechten das schwarze Böse herausziehen. - Auch nichts! Wahrschein-lich bin ich selbst noch zu wenig weit in meiner karmischen Entwicklung, zu unrein. Am besten lasse ich den Guru 'Der mit den Eseln schwanzt' (oder so ähnlich) persönlich einfliegen. Nur schon seine sonore Stimme und seine Ausstrahlung, sein makelloser Tänzerkörper und sein unverbildet-einfacher Geist - ach, seufz, zumindest ich selbst würde mich unter seinen Händen bestimmt lösen...
Oder vielleicht doch der knorrlige Dr. Tröschti aus dem Berner Oberland mit seiner Intuitiv-Akupunktur und den implantierten Goldkügeli? - Ja, Du mein Trost, wenn ich an die Rechnung denke... Wenn ich aber richtig 'IN' sein möchte, muss ich den französischen Rücken-Knacker haben, oder die Hand-Auf-, -Um und -Anlegerin aus Basel; schliesslich plane ich meine Saison nur noch mit ihrer 'Das-Pferd-Fragen-Und-Dann-Den Arm-Des-Reiters-Runterdrück'-Methode. Und wie wär's, wenn ich die Unterlagen der berühmten Wellington-Bones (nix zu tun mit Knochen im teigigen Umfeld) hervorkramte? Wenn ich ehrlich bin, war ich nämlich nur zu faul für die stundenlange Fingerkuppen-Massage. So viele Wege zum Heil! Verzweifelt stehe ich vor der 30-Quadratmeter-Boxe mit drei Fenstern, schaue hinaus auf die herrlichen Schneeweiden und erwäge zerknirscht, dass ich meinem Pferd ausser täglich mindestens zwei Stunden Reiten, Weidegang mit Kameraden, bestem Futter, gutem Stallklima und viel 'Knuddeln' eigentlich überhaupt nichts zu bieten habe. Und wenn ich bedenke, dass ich noch zu den Hinterwäldlern gehöre, deren Schützling über Sprünge, ja gar ins Wasser hüpfen muss, dass ich auch gerne fliegende Wechsel springe und über Rennbahnhindernisse fetze...Aber dafür kann ich nicht mitreden, wenn sie vom Erfolg mit 'Rolfing' an den hinteren Backenzähnen berichten. Ich sehe die vor Verachtung gekräuselten Lippen der Kolleginnen, deren ganze Saison ausgebucht ist mit Kursen und Seminarien auf dem Weg zum Heil. Ja, zu welchem Heil eigentlich?