"Dein Know-how reicht nicht aus!"

Antwort auf den Leserbrief von CC-Jurypräsident und Dressurrichter Conrad Schär in der PferdeWoche vom 7.9.11, Seite 43.

8.9.11 Christoph Meier.

Lieber Coni

Wir haben schon oft debattiert über die Dressurrichterei. Wir waren uns dabei kaum je einig - und trotzdem blieben wir uns, so meine ich jedenfalls, stets freundschaftlich zugetan. In diesem Sinne möchte ich auch die folgenden Zeilen verstanden wissen. Ich bin in der Sache völlig anderer Ansicht als du - aber wir werden bei nächster Gelegenheit trotzdem ein Bier trinken können zusammen. Vielleicht musst du armer Kerl ja mir sogar wieder mal eine Plakette aushändigen wie am letzten Sonntag :-)

Meinungsäusserungsfreiheit
Voltaire sagte einmal zu einem Kritiker: "Ich halte es für völligen Schwachsinn, was Sie sagen, aber ich gäbe mein Leben dafür, dass Sie es sagen dürfen!" Dem schliesse ich mich an. Es ist ein gutes Zeichen für die Meinungsäuuserungsfreiheit in der helvetischen Rösselerwelt, dass wir neben den zensurierten amtlichen Verbandspostillen, die bei den meisten Empfängern ja verständlicherweise auch gleich ungeöffnet in der Papiersammlung landen, noch ein paar Medien haben, die diese Bezeichnung verdienen - und die eben nicht zuletzt auch schwachsinnige Leserbriefe veröffentlichen. So gesehen kann ich der Sache sogar noch etwas Positives abgewinnen.

Ziel?
Wenn man sich an die Öffentlichkeit wendet, hat man - in der Regel - ein Ziel. Man bezweckt etwas damit. Ausser natürlich die Buchstaben quöllen direkt aus den unteren Regionen auf's Papier, ohne Umweg über das Hirn. Nun: was bezweckst du mit deinem Schreiben? Noch mehr Engagements in helvetischen CC-Prüfungen als Funktionär? Mehr Geld für die Basis? Bekenntnis zu deiner Her- und Zukunft in der engen Welt deines Regionalverbandes? Falls du mit dem Text dein Image als CC-Sachverständiger aufpolieren wolltest, müsste ich dir - ganz nüchtern als PR-Berater - sagen, dass da der Schuss wohl eher hinten rausging. Denn deutlicher hättest du gar nicht demonstrieren können, dass du vom internationalen CC-Sport keine Ahnung hast, ja nicht einmal zu wissen scheinst, wo man die Resultate der Championatsteilnehmer bzw. der Longlist-Paare nachschaut.

Wieso dieser Kommunikationskanal?
Ich kenne dich eigentlich als gesprächigen, netten Typen, der nicht die Faust im Sack macht, wenn ihm etwas nicht passt. Zudem kennst du ja alle, die du mit deinem Pauschalurteil beleidigst: Disziplinchef Peter Attinger, Sportchef Heinz Scheller, Equipentierarzt Dominik Burger und vor allem die Reiterinnen und Reiter, denen du schon unzählige Male das Händchen geschüttelt hast, einigen letztmals am vergangenen Sonntag, als dein Leserbrief wohl bereits in der PW-Redaktion lag? Wieso denn vornerum so lächelnd-freundlich und hintenrum so fies? Wieso sagst du denn Eveline, die am Samstag in Oberhallau gerade mit Nachwuchspferden wieder ihr reiterliches Können unter Beweis stellte, dass du ihre reiterlichen Fähigkeiten für beschränkt hältst? Und wieso erkundigst du dich nicht bei all den Leuten, die du doch alle kennst? Du hättest uns doch schon in Luhmühlen ansprechen können? Du hättest von allen bestimmt Auskunft erhalten, aus erster Hand zum Beispiel von der Reiterin, dem Coach und dem Tierarzt Informationen zu Mykena: warum man sie trotz des vor der Abfahrt virulent gewordenen ISG-Problems trotzdem mitnahm, allerdings richtigerweise nicht mehr für das Team nominierte, wie man Verbesserungen sah und hoffte, sie erhole sich vollständig bis zum Start am Samstag, wie man sich bis zur letzten Sekunde überlegte, ob sie überhaupt starten solle - und wie sich der Entscheid im Nachhinein bereits bei Sprung 1 als falsch erwies. All dieses Wissen hätte vielleicht die unüberlegte Aktion verhindert, mit der du nun der ganzen Pferdeschweiz mit deinem (vermeintlichen) Gewicht als jahrzehntelanger Funktionär verkündest, dass all die EM-TeilnehmerInnen nicht über die nötigen reiterlichen Fähigkeiten verfügten? Du hättest dich zum Beispiel hier auf der SEC-Seite äussern können. Da hättest du ein Fachpublikum angesprochen, das deine Argumente wahrscheinlich ähnlich zerzaust hätte, wie ich dies hier versuche. Mit der PW erreichst du aber 90% Leser, die wenig bis gar nichts von CC wissen. Damit erreichst du nur etwas: eine Verschlechterung des Images einer nach wie vor von Amateuren dominierten Randsportart. Und wieso das dein Ziel sein sollte, ist mir ein Rätsel.

Mein Ziel mit dieser Antwort ist, die reiterlichen Fähigkeiten und die Leistungen der angeschossenen ReiterInnen, aber auch die Entscheide der Verantwortlichen in ein anderes, mir richtiger erscheinendes Licht zu stellen und die Wichtigkeit der Teilnahme an Championaten herauszustreichen - auch und gerade für deine geliebte Basis. Die jungen Leute brauchen Anreize - und die Teilnahme an grossen Prüfungen ist, so meine ich, einer der stärksten. Natürlich muss auch ich mit harscher Kritik an meiner Kritik rechnen - wie du sie jetzt auch gerade erlebst. Meine Intimfeindin Erika Attinger wird mit dem ihr eigenen Pathos der SP-Millionärin an der nächsten Mitgliederversammlung unseres Clubs wieder Stimmung machen für die Abschaffung von mir als Redaktor und vor allem für die Streichung jeglicher auch noch so geringer Honorierung. Aber man muss Nutzen und Gefahr bei seinen Taten abwägen können. Und wenn es darum geht, mich für die besten Schweizer CC-ReiterInnen zu wehren, nehme ich einen weiteren lächerlichen Auftritt der alten Dame in Kauf.

Hürlimann-Mentalität?
Du stellst deine Eindrücke von der EM CC Elite in Luhmühlen unter den Titel 'Reiterliches Können reicht nicht aus' und bemängelst, dass man überhaupt jemanden geschickt habe. Für die reiterliche Basis - zu der du dich sicher zu Recht zählst, wenn man sich an deine eigenen reiterlichen Leistungen erinnert - sei es unverständlich, dass man für aussichtslose EM-Starts Geld ausgebe. Nun, mit dieser Ansicht bist du nicht allein. Schon der frühere OKV-Präsident Hürlimann, der reiterlich noch bedeutend weniger Stricke zerrissen hat als du, meinte, nachdem er in den späten 90-er Jahren wohl erstmals in seinem Leben in Frauenfeld beim Cross zukuckte, von diesen Schweizern könne man ja niemanden an ein Championat schicken. Wir gingen dann gottlob doch. Und siehe da: alle Deutschen fielen auf die Schnauze oder wurden sonst eliminiert im anspruchsvollen Gelände von Burghley, aber drei von vier Helvetiern blieben fehlerfrei im Gelände, platzierten sich auf dem 5. Teamrang und schufen damit die Voraussetzung für die Teilnahme am nächsten Championat - wo es dann wieder weniger toll lief. Dass ein sooo alter Rösseler wie du immer noch nicht erkannt hat, wie stark das Wettkampfglück und die Resultate in unserem Sport Schwankungen unterworfen sind, ist mir ein Rätsel.

Die Resultatschwankungen im internationalen CC-Sport
Wir pflegen generell zu unterscheiden zwischen 'Resultat' und 'Leistung'. Man kann mit einer schwachen Leistung ein tolles Resultat einfahren - wenn die anderen noch schwächer waren. Andererseits kann man in einem Klasse-Umfeld eine Top-Leistung erbringen - und der Ignorant, der nur Resultate lesen kann, merkt's nicht. Der 27. Rang von Jrina Giesswein im CCIO*** von Boekelo war eine Topleistung und bedeutete in einem Starterfeld von über 100 Paaren - darunter die 'Crème de la crème' der internationalen CC-Szene - auch eine Klassierung. Für den Hinterwäldler, der nur die Zahl 27 sieht und nicht dabei war - der vor allem das Cross nicht abgegangen war - ist das natürlich ein unbedeutendes Resultat. Ich habe nichts gegen Leute, die nichts von CC verstehen, ich verstehe auch nichts vom 'Hornussen' - aber dann halte ich auch schön die Klappe und schreibe nicht, die Schweizersholzer würfen ihre komischen Bretter nicht richtig in die Luft...

Dass du aufgrund einer einzigen besuchten internationalen Veranstaltung einen solchen Unsinn schreibst, liegt vielleicht an deinem auf die Schweizer Basisprüfungen beschränkten CC-Horizont. Natürlich gibt es auf Stufe B1 und B2 Paare, die jahrelang mit vorderen Platzierungen glänzen - und keine Veranlassung sehen, je einen Schritt weiterzugehen und sich in höheren Kategorien einer stärkeren Konkurrenz auszusetzen. Aber wenn die Sprünge mächtiger und die Tempi schneller werden, steigt bekanntlich das Risiko. Und wenn du dich etwas intensiver mit dem grossen internationalen CC-Sport befassen würdest, wüsstest du, dass auch die Besten der Besten immer wieder mal im Schlamm liegen. Die EM bot diesbezüglich ja besten Anschauungsunterricht: Hast du vielleicht gesehen, wer noch alles stürzte ausser Eveline? Mannschaftsolympiasieger, Teamweltmeister und Luhmühlen-4*-Sieger Andreas Dibowski, Kentucky-Doppelsiegerin und Weltnummer 2, Mary King, der Deutsche Meister Andreas Ostholt, der französische langjährige Championatsreiter Pascal Leroy (übrigens am selben Sprung wie Eveline, wo noch einige andere stürzten etc. Und hast du gesehen, mit welchen Schwierigkeiten die aktuelle Weltnummer 1, der sechsfache Burghley-Sieger William Fox Pitt zu kämpfen hatte. Und sahst du den Springparcours der Toptoptop-Reiterin Ingrid Klimke, deren Abraxxas mehr Stangen runterholte als je ein Schweizer in den letzten Jahren in einer Dreistern? - Heimatland, wieso denn so kurzsichtig und negativ? Geh doch regelmässig an internationale Prüfungen mit Schweizer Beteiligung - vielleicht weitet sich dann dein Horizont ein wenig, und du wirst etwas abgeklärter und lockerer in der Beurteilung einer einzigen Prüfung.

Die eigene Verantwortung ernster nehmen
Anstatt über Dinge zu schreiben, von denen du offenbar nicht allzu viel verstehst, könntest du doch deine eigene Tätigkeit als Jurypräsident, TD und Dressurrichter optimieren. Du hattest doch besten Anschauungsunterricht in Luhmühlen? Hast du mitgekriegt, wie diese Richter die ganze Palette von 1 bis 10 nutzten? Natürlich sind das sozusagen Profi-Richter mit riesiger Erfahrung, aber es ist auch eine Frage des Mutes, ob man - wie bei dir und generell in Helvetien üblich - kaum je über oder unter die harmlosen '5i und 6i' hinauskommt. Es sind ja die Noten, die man geben soll, wenn man mal eine Lektion nicht gesehen hat - oder wenn man nichts versteht; bei einer 6 kann man sich immer noch herausreden...

Noch besser: geh einmal nach Badminton, dann siehst du auch, wie man ein für die Dressur geeignetes Ambiente schafft: kein Festwirtschaftsgeschrei rundherum, keine unmittelbar am Viereck sitzenden, telefonierenden und rauchenden Zuschauerinnen mit Hund, auch kein Jurypräsident, der zu nahe am Viereck sitzt, keine unmittelbar neben dem Viereck vorbeilaufenden Pferde und vorbeirollende Hänger. In Badminton herrscht während einer Dressurvorführung Ruhe wie beim Tennis. Unzählig Stewards sorgen dafür, dass auf der ca. 30 - 50 Meter vom Viereck entfernten Tribüne niemand mehr den Platz wechselt! Das ist für mich Ausdruck von Respekt vor den Pferden und Reitern. Natürlich kann man bei einer so beschränkten Infrastruktur am Hang wie in Oberhallau nicht Badminton-Verhältnisse schaffen. Es ist ja toll, dass es dort überhaupt eine Veranstaltung gibt. Aber man kann das Beste daraus zu machen versuchen. Das ist bei der Gestaltung der Geländestrecken meines Erachtens weitgehend gelungen. Aber beim Treiben rund ums Viereck sehe ich noch Optimierungspotenzial. Das beginnt bei so etwas Banalem wie den Abmessungen des Vierecks und der Bodenpflege. TD und Jurypräsident nehmen doch die Infrastruktur ab. Habt ihr tatsächlich nicht gesehen, dass das Viereck nicht 20x40 war? Es ist lustige 22 Meter 50 breit, die Mittellinie war aber von der einen Seite 10m, von der andern 12.50m entfernt markiert mit den Buchstaben A und C. Wie steht es denn da mit dem 'Organisatorischen Können und dem Know-how des Funktionärs'? Reicht das aus? Ich finde - franchement - nicht. Aber vor allem reicht dein Wissen nicht aus, um internationale Reiter zu qualifizieren.

Lies doch das Editorial unseres Verbandspräsidenten in der PW-Beilage zur EM der Springreiter, der scheint das kapiert zu haben (oder er hat eine ausgezeichnete neue Kommunikations-Chefin?). Ich selbst habe mir gut überlegt, ob ich dir persönlich antworten - oder die SEC-Leserschaft miteinbeziehen solle. Ich gelangte zur Überzeugung, dass die Beleidigung der besten CC-ReiterInnen unseres Landes eine öffentliche Antwort brauche, aber eben auf dieser Plattform von CC-Kundigen.

Recherche - das tägliche Brot der Schreiberlinge
Wenn du dich in einen neuen Bereich vorwagst, in dem du keine Ausbildung und keine Erfahrung hast, solltest du dich vorab mit den Spielregeln vertraut machen. Das müsste ich auch, wenn ich die Fleischproduktion in der Schweiz ankurbeln oder Mais anbauen wollte. Wenn du dich also als Journalist versuchen willst, solltest du dir die obigen Fragen nach dem Ziel und dem Kommunikationskanal stellen und dann vor allem RECHERCHIEREN. Das wäre wie erwähnt sehr einfach gewesen in diesem Fall. Bei der Recherche hättest du gemerkt, über wie wenig Information du verfügst. Es reicht eben nicht, alle paar Jahre mal eine einzige internationale Veranstaltung zu besuchen. Aber du hättest dich auch auf dem Papier bzw. im Netz vorbereiten können. Ein Klick auf die FEI-Seite und du hättest gewusst, wer von den EM-TeilnehmerInnen was geleistet hat in den letzten Jahren. Dann wäre dir diese hanebüchene Beleidigung, das 'reiterliche Können reiche nicht aus', wohl kaum aus der Feder gerutscht. Also meine Empfehlung: schau doch in Zukunft, dass die Veranstaltungen, bei denen du eine Verantwortung trägst, einigermassen pferde- und reiterfreundlich und vielleicht sogar reglementskonform ablaufen, entwickle deine '5i-6i-Richterei' über den Grundsatz 'Das langweiligste Programm soll gewinnen' vielleicht noch etwas hinaus - und überlass die Beurteilung internationaler Events denen, die sich jahrein jahraus intensiv damit befassen.

Resultate der TeilnehmerInnen und Probables 09 bis 11
Hier die Resultate 09 -11 der TeilnehmerInnen, aber auch der beiden Longlist-Paare, von denen man lange Zeit hoffte, dass sie auch zu einem Teamresultat beitragen könnten:
Eveline Bodenmüller; Doris Weidmann; Tamara Acklin; Sébastien Poirier; Jacopo Buss; Nicolas Wettstein; Jrina Giesswein

Falls es dir zu anstrengend ist, all diese Listen anzuschauen, hier die Kurzfassung: Die EM-Teilnehmer haben alle etwas geleistet auf dem Niveau, auf dem die EM ausgetragen wurde, teils haben sie sogar grössere Prüfungen bestanden (Vierstern- bzw. Weltcup-Prüfungen). Einige haben vordere Klassierungen in Dreisternprüfungen, Eveline sogar einen Sieg vorzuweisen. Alle haben mehrfach gezeigt, dass sie durchaus fähig sind, auf diesem Level mitzureiten. Das Ziel war keine Touristenreise, sondern die letzte Chance zu packen für eine Olympiaqualifikation. Nachdem aber das beste Paar von Boekelo 2010 - Jrina mit Thunder - ausfiel und der in den allerletzten Prüfungen erfolgreiche Nicolas Wettstein aus für mich schwer nachvollziehbaren Gründen im letzten Moment auf eine EM-Teilnahme verzichtete, und als dann kurz vor der Abfahrt noch Mykena von Tamara mit den oben erwähnten Problemen zu kämpfen hatte, die zwar im Lauf der Woche dank der wie immer höchst fachkompetenten Hilfe des Team-Vets und Osteopathie-Spezialisten verbessert, aber nicht wirklich behoben werden konnten, war die Ausgangslage etwas weniger rosig. Dann kam noch Wettkampfpech für die einen dazu. Es gab aber auch ausgezeichnete Leistungen - immer auch gemessen an den Möglichkeiten der zur Verfügung stehenden Pferde: Was Jaci mit seinem Galant leistete im Gelände, war reiterlich richtig stark, auch Sébastien zeigte eine Runde, bei der er ganz im Sinne des Mannschaftsresultats längere Wege in Kauf nahm; und sein Springparcours war vom Feinsten. Auch die Leistung von Doris und Hector ist respektabel: hast du sie reiten sehen? Das war angriffig und technisch stark. Oder hast du nur das Resultat gelesen und festgestellt, dass sie bei einem der rund 40 Efforts ein Problem hatte? Und Eveline war toll unterwegs bis zu dem ärgerlichen Absteiger. Übrigens: hast du ihren Siegritt in Cameri gesehen? Und hast du Tamaras schnelle Nullrunde mit Mykena in Vairano gesehen? Oder Jrinas brillantes Cross in Boekelo?

Professionalisierung?
Anstatt den wenigen helvetischen Amateuren, die es bis auf S-Level bringen, so pauschal das 'reiterliche Können' abzusprechen, könntest du dich dafür einsetzen, dass sie sich den ausländischen Profis noch besser annähern können. Denn - das schleckt keine Geiss weg - der CC-Sport ist in den letzten 10 Jahren professionalisiert worden - überall, ausser in der nicht sehr sportbegeisterten, nicht sehr pferdefreundlichen und oft kleinkariert-geizigen Schweiz. Wenn du die CC-Weltrangliste studierst - und die Leute auch ein wenig kennen würdest - findest du unter den besten 300 kaum mehr Amateure. Immerhin ist der amtierende Olympiasieger Hinrich Romeike noch ein veritabler Zahnarzt - aber gerade an ihm lässt sich die Problematik gut illustrieren: er hatte ein Jahrhundertpferd, mit der er Grossartiges leistete. Und jetzt? Die grossen CC-Profis haben mehrere Pferde auf 4- und 3*-Niveau - und nehmen ständig junge nach. Das braucht bekanntlich finanzielle Mittel, die sich nur mit Preisgeldern nicht beschaffen lassen. Genau wie im Springsport gehören deshalb die meisten CC-Spitzenpferde nicht - oder nicht allein - den Reitern, sondern Sponsoren, Mäzenen, Freunden des CC-Sports. Von den Schweizer EM-Teilnehmern ist einzig Poirier ein Berufsreiter, aber auch er kann nicht seine ganze Zeit in die Vorbereitung und Vorstellung von CC-Pferden stecken, wie das bei 'richtigen' CC-Profis à la Nicholson, Fox-Pitt, King, Jung, Dibowski, Schrade, Ostholt, Klimke, Touzaint, Donckers etc.der Fall ist.

Ich hatte selbst das sagenhafte Glück in meiner Aktivzeit, Mäzenatentum zu erleben und würde dieses Glück allen CC-Angefressenen auch gönnen. Natürlich haben die meisten mehr oder weniger grosse familiäre oder sonstige Unterstützung, aber dass Schweizer CC-Reiter tolle Pferde zur Verfügung kriegen, ist immer noch die ganz grosse Ausnahme. Bei Eveline beginnt sich eine solche Entwicklung abzuzeichnen, was mich riesig freut. Auch Sébastien verfügt über vielversprechenden Nachwuchs. Aber es hätte durchaus bei anderen 3*-ReiterInnen noch Platz in den Ställen für ein paar Top-Pferde. Wenn du also etwas Positiveres tun willst für die schweizerische CC-Szene als nach mehr Geld für die Basis zu schreien, dann beteilige dich an Top-Pferden und stelle sie den Talentiertesten zur Verfügung - und gewinne andere CC-Fans für diese Idee. Die Grossmutter der damaligen Europameisterin Lucy Thompson sagte einmal in einem Interview, sie freue sich auf den Frühling, weil dann endlich die Saison wieder losgehe und sie mitfiebern könne, wenn ihre Enkelin mit dem Pferd unterwegs sei, das sie ihr geschenkt habe. - Das sind doch Vorbilder, oder nicht?