30.8.10/cam. Kommentar und Einladung zur Diskussion zu den Abzügen für zu schnelles Reiten:

Gut gemeint - aber wieder abzuschaffen!

Im Zuge der ganzen Sicherheitsdebatte rund um den CC-Sport kam man auf die Idee, in den Basisprüfungen nicht nur wie bis anhin für zu langsames, sondern auch für zu schnelles Reiten Strafpunkte aufzubrummen. Der Gedanke dahinter war durchaus pädagogisch einleuchtend: die Einsteiger im CC-Sport sollen lernen, ein bestimmtes Tempo einzuhalten über eine gewisse Strecke, sie sollten Tempo-Gefühl entwickeln, auch ohne ständig auf die Uhr zu schielen. Dann wollten einige der Initianten auch der 'Raserei' entgegenwirken und damit die Unfallgefahr reduzieren. All dies schienen auch mir durchaus prüfenswerte Gedanken zu sein. Nun hat sich die Regel aber ganz offensichtlich nicht bewährt. Die ganz Schlauen bremsen kurz vor dem letzten Sprung ab oder kommen gar im Trab oder Schritt über die Ziellinie, andere reiten eine wundervoll harmonische, rhythmische Runde auf einem rittigen Pferd, wenden gut, intervenieren minimal mit der Hand - und werden für diese brillante Leistung bestraft. Beides scheint mir unbefriedigend zu sein. Es ist ja immer zu bedenken, dass nirgendwo auf der Welt so langsame Tempi verlangt werden wie in der Schweiz, wo die Basis-Prüfungen in aller Regel mit Tempi unter 500m/Min. ausgeschrieben werden. In allen mir bekannten Nationen ist aber 500m/Min das Minimaltempo für die kleinsten Einsteigerprüfungen. Die tiefen Tempi sind in der Schweiz je nach Gelände durchaus begründbar, da wir oft auf kleinen bis winzigen Plätzen eher derby-artige Geländestrecken im Angebot haben, die zudem oft durch eine stark hügelige Topographie zusätzlich tempodrosselnden Effekt haben. Und doch gelingt es gerade den besten unter den Basisreitern immer wieder, solche Strecken in stilistisch sauberer und damit auch sicherer Manier in etwas höherem Tempo zu bewältigen. Sie zeigen sich damit bereit für den Übertritt in eine höhere Kategorie. Sie für diese hoch erwünschten Leistungen zu bestrafen und die eher Gemütlichen zu animieren, gemütlich zu bleiben, mit zu wenig Zug gegen die Hindernisse zu reiten, scheint mir hochgradig kontraproduktiv zu sein und auch unter dem Aspekt der Sicherheit völlig falsche Signale zu setzen.

Mein Fazit: das war gut gemeint, aber es funktioniert nicht. Tempogefühl und stilistisch sicher Geländereiten muss man im Training lernen. Man kann es abfragen und dazu motivieren in der Prüfung - durch geschickte Linienführung und klugen, pferdefreundlichen Hindernisbau, und nicht zuletzt auch durch Stilwertungen - aber erzwingen durch die Bestrafung schnellen Reitens kann man es nicht. Ohne irgendjemandem einen Vorwurf zu machen, könnte man die Regel auf nächste Saison meines Erachtens ersatzlos streichen.

Und hier noch ein (nicht ganz bierernst gemeinter) Alternativlösungsansatz:
Dominik Burger schlug als CC-Sportchef einmal vor, den Puls des fachkompetenten Offiziellen beim Zuschauen zu messen für die Beurteilung der Sicherheit eines CC-Paares im Gelände: je tiefer der Puls bleibe, desto besser. Vielleicht könnte man dieses Kriterium ergänzen durch eine Bild- und Tonaufnahme der Zuschauerreaktionen: je weniger Hände vor den Kopf geschlagen werden, je weniger kollektive Entsetzensschreie die notorische Toilettenhintergrundmusik übertönen, desto weniger Anlass bestünde, die unsäglichen gelben und roten Fähnchen und Kärtchen der FEI auch in Helvetien einzuführen, mit denen selbst ernannte Herodes-Epigonen herumwedeln, deren Arroganz und Machtgeilheit meist in indirekter Proportionalität zum IQ und ihrer Fachkompetenz stehen und die wie arabische Fussballschiedsrichter mit furchtbar wichtiger Miene CC-Abenteurer vom Feld oder gar in die Wüste mehrmonatiger Sperren weisen können. Gott, Allah, Jahwe oder sonst ein Allmächtiger bewahre uns davor :-)