
Eines schönen Tages im Mai 2011 erhielt ich eine E-Mail von einer Lady aus England, die sich als ausgewanderte Schweizerin outete, die sich dort ihren Mädchentraum erfüllt hatte mit einem eigenen Trainings- und Ausbildungsstall. Christina Wiederkehr ist inzwischen offizielle BHS II-Trainerin und selbst erfolgreiche Event- und Dressurreiterin.
Hier der Link zu ihrem Leistungsausweis.
Dass sich Christina aber immer noch als Schweizerin fühlt, zeigt sich schon am Domain-Namen ihres Internetportals, der fast verwechselbar ähnlich klingt wie unser SEC-Auftritt, nämlich www.swisseventing.com. Auf ihrer Website findet sich viel wissenswertes über Ihre Pferde, Ihre Anlage, Ihre Trainingsphilosophie und Ihr Netzwerk in England.
Aus dem Mail-Wechsel ergab sich ein Gespräch - und Christina gelangte zur Überzeugung, die Bande zur alten Heimat wieder etwas enger zu knüpfen. Anfangs August (6.-8.8.) ist Christina voraussichtlich in der Schweiz und wir werden bestimmt irgendeinen gemeinsamen Trainings-Anlass oder zumindest eine Party organisieren, wo sich die Gelegenheit ergibt, Christina näher kennen zu lernen und vielleicht sogar Pläne für einen England-Aufenthalt zu schmieden. Hier nun die wichtigsten Ausschnitte aus dem Gespräch;
22. Juni 2011

Christina, kommst du aus einer Rösseler-Familie? Wann und wie bist du erstmals mit dem Pferdevirus angesteckt worden?
Meine Eltern waren zwar nicht „horsey“ aber schon seit ich mich erinnern kann, wollte ich reiten. Die ersten Reitversuche waren nur die im Wiener Prater bei unserer Grossmama. Einige Schillinge für zwei Runden Schritt ... Es dauerte einige Zeit, bis ich meine Eltern überzeugen konnte, mich Reitstunden nehmen zu lassen. Als es soweit war, verbrachte ich jede mögliche Minute im Reitstall. Bald waren auch meine Eltern voll involviert und dank ihrer enormen Unterstützung verbringe ich noch immer jede Minute mit den Vierbeinern.

Du bist in der Schweiz aufgewachsen, lebst aber seit 1997 in England. Wie kam es dazu?
Als ich das erste mal ein Bild von einem Military sah, wollte ich das auch gleich erleben! Nach einem Trainingskurs mit Christoph Meier und Stephan Doell war ich ganz begeistert! Damals besuchte ich den Übergangskurs an der Kanti Zug und es wurde mir klar, dass ich nicht studieren wollte. Meine Mutter fand eine Reklame in der Zeitung über eine Schule in England, die Reiten als ein Schulfach anbot. Die Stonar School offerierte Trainingsmöglichkeiten und Qualifikationen im Reitsport. Zudem konnte ich Englisch lernen... klang genial... die Realität war nicht so einfach. Mein Englisch war minimal und die Struktur einer typischen english boarding school war ein Schock für mich.... Die Reitstunden und die Theorie waren super, und obwohl ich die ersten sechs Monate nichts anderes wollte, als mich ins nächste Flugzeug setzen und zurück in die Schweiz zu fliegen, blieb ich. Das zweite halbe Jahr brachte mir viel Inspiration und Freude, und mir wurde klar, dass ich von nun an „nur noch“ reiten wollte. Ich bestand in diesem Jahr meine ersten drei Qualifikationen (stages) und gewann den "Cup for Style in Riding". Ein Besuch in Badminton war ein unglaubliches Erlebnis und ich war fasziniert von Ginny Leng, Lucinda Green, Mary King und Mark Todd.

Wolltest du immer schon Vielseitigkeitsreiterin werden? Oder hat sich das erst im Laufe deiner Reitkarriere ergeben? Hast du eine Lieblingsdisziplin?
Meine Lieblingsdiziplin und Faszination ist der Militarysport. Ich denke, meine Begabung liegt in der Dressur. In meinem Element bin ich aber im Trainieren und Umschulen von verschiedensten Pferden. Mein erstes Pferd war schon ein ganz spezielles Pferd. Meine Mutter rettete ein falsch verstandenes und 'zerstörtes' Rennpferd vom Schlachthof. Es war ein wunderschöner Wallach, nervös und verängstigt. Er kam nach jedem Ritt mit seinem Besitzer verschwitzt nach Hause. Er konnte nicht normal Schritt gehen. Meine Mutter war überzeugt, dass Trocadero nur missverstanden war und kaufte ihn. Sie setzte mich auf ihn und ich liebte ihn. Nach einiger Zeit war er mein bester Freund und ging überall hin, gelassen und zufrieden. Es war ein tolles Gefühl!

Reitest du auch reine Dressur- und Spingturniere?
Vor einigen Jahren unterrichtete ich einen Jungen im Ponyclub. Kurz daraufhin telefonierte mir Lucinda Green ! Ihre Tochter wollte Dressurstunden… nach dem Unterricht sagte Lucinda: das nächste Mal bringe ich dir meine Stute! Es war ein tolles Gefühl, meinem Idol in der Dressur helfen zu können. Die reine Dressur macht mir auch Spass und ich nehme wenn immer möglich an Dressurturnieren teil. Springturniere hier in England sind etwas zeitaufwändig, da man ohne Voranmeldung einfach am Turniertag auftaucht und sich dann an Ort und Stelle anmeldet. Je nachdem wie viele Leute antreten, weiss man nie genau wie der Tag verläuft ... da ist die Schweiz schon viel besser organisiert!

Du bist ja nicht zufällig nach England ausgewandert. Wie beurteilst du den Unterschied zwischen deiner ursprünglichen und deiner Wahlheimat bezüglich Pferdefreundlichkeit, Horsemanship, Prüfungsangebot etc.?
Ich folgte dem Rat meiner Eltern, verbrachte nach der Stonar School 3 Jahre in der Schweiz und absolvierte eine Berufsausbildung.. für alle Fälle... Danach wollte ich sofort zurück nach England. Ich wollte die nächsten Qualifikationen der British Horse Society machen, um Reitlehrer zu werden. Das System in England sagte mir zu und da ich schon 3 Prüfungen hinter mir hatte, wusste ich auch, was noch vor mir lag. In meinem ersten Jahr in England war ich beeindruckt, wie die meisten Pferdenarren mit ihren Pferden sprachen und mit ihnen umgingen. Egal was für eine Rasse oder Klasse, alle Pferde wurden geachtet und „verwöhnt“. Wir waren alle da um zu lernen, und es war eine gute Atmosphäre. Es war auch alles so natürlich und einfach.. vielleicht ist das ein Überbleibsel von der alt englischen Tradition? Dazu der englische Humor… ich als ernste Schweizerin brauche das J! Hier in England hat man die Möglichkeit, in allen Disziplinen von ganz unten anzufangen. Ideal für junge Pferde und Reiter, die Erfahrungen sammeln möchten. Besonders im Militarysport ist die Kameradschaft enorm! Jeder hilft jedem, und auch wenn alle wettkampfmässig tätig sind, ist Rat und Hilfe immer vorhanden. Obwohl ich eigentlich nur zurück nach England kam, um meine Reitlehrer-Prüfung zu absolvieren und etwas mehr über den Militarysport lernen zu können, blieb ich länger und länger...
Wie gut fühlst du dich in der englischen Gesellschaft integriert? Ist es leicht oder eher schwierig, nähere Kontakte zu knüpfen?
Ich fühle mich hier nun wirklich zuhause. Zu Beginn (besonders an der Schule) war die ganze englische Kultur für mich sehr ungewohnt und etwas altmodisch. Die meisten Menschen, denen ich begegnet bin, waren aber immer sehr hilfsbereit und freundlich. Mittlerweile kenne ich sehr viele Reiter verschiedenster Nationen, vor allem aber Kiwis (Neuseeländer), die sich hier in England aufhalten. Ich mag ihre Art ganz besonders, denn sie arbeiten hart, sind aber sehr natürlich und extrem gelassen.

Wie verlief die Entwicklung deines Hofs. Warst du von Anfang an in Wootton Basset in Wiltshire? Was war der Grund, dich gerade hier niederzulassen? Mit welchen Pferden ging es los? Wer unterstützte dich bei der Arbeit? Wie entwickelte sich dein Angebot?
Seit gut vier Jahren lebe ich hier in Wootton Bassett (bald wird es „Royal Wootton Bassett“ *smile*) : Es war ein gutes Angebot mit Potenzial. Land, Haus und Aussengebäude waren vorhanden. Dank enormer Hilfe und Unterstützung durch meine Eltern wurde die Farm zu einem Pferdehof umgewandelt. Es brauchte viel Zeit, Geduld und Ausdauer. Ich hatte auch grosses Glück und fand immer wieder Freunde, die bereit waren zu helfen.

Wie verlief deine reiterliche Ausbildung in England? Mit wem hast du trainiert? Wer unterstützt dich reiterlich heute? Und was sind deine reiterlichen Ziele?
Um Geld verdienen zu können konzentrierte ich mich auf meine Ausbildung und trainierte an einer bekannten Schule namens Talland (Pammy Hutton). Es war harte Arbeit und wenig Freizeit, aber es lohnte sich und in kurzer Zeit bestand ich meine Prüfungen zum BHS II (Intermediate Instructor). Nach einem Jahr bekam ich ein Angebot, für Jennie Loriston Clarke zu arbeiten. Jennie ist bekannt, nicht nur für ihr Gestüt Catherston Stud, aber auch als Olympia Reiterin für GB in Dressur. Ich wurde angestellt um Studenten zu unterrichten und auch um zu reiten. In dieser Zeit hatte ich die Chance verschiedenste Pferde zu trainieren. Von Jungpferden bis zu Grand-Prix trainierten Pferden. Ich lernte enorm viel, war aber nur selten in der Lage, Military reiten zu können oder zu springen. 3 Jahre später fand ich Arbeit bei einem Militaryreiter, und kurze Zeit später ergab sich die Gelegenheit einen kleinen Stall zu führen. In dieser Zeit unterrichtete ich und auf Anfrage einer Physiotherapeutin half ich Pferden mit verschiedensten Problemen. Es war interessant und hilfreich. Als ich Lucinda Green’s Pferd schulte, brachte sie mich in Kontakt mit Yogi Breisner (GB Team Trainer). Nach einem offiziellen Interview wurde mir offeriert, bei allen Trainings dabei zu sein um Erfahrungen zu gewinnen. Leider kam es zu einigen privaten Veränderungen und der Stall, den ich aufgebaut hatte, wurde verkauft. Mit Hilfe meiner Familie begann danach die Entwicklung von Lower Ham Farm. Wie erwähnt, es war ein langfristiges Projekt, und ich nahm jeden Vierbeiner bei mir auf, ob alt oder jung , gross oder klein J. Leider hatte ich wenig Möglichkeiten auf Turniere zu gehen, aber wie immer, ich lernte viel und das Feedback von Klienten war immer positiv! Langsam möchte ich den Stall zu einem erfolgreichen, internationalen Trainingsstall entwickeln. Ich bin noch immer in Kontakt mit Lucinda Green, und sie hilft mir meist im Frühling (danach hat sie wenig Zeit). Springen trainiere ich mit Rowland Fernyhough, einem ehemaligen britischen Olympiareiter.
Kannst du uns ein wenig von deinen Pferden erzählen, mit denen du gerade arbeitest und mit denen du deine Ziele erreichen möchtest?
Ich habe ein Flair für gute, solide Ausbildung aller Pferde. Es ist immer wieder ein gutes Gefühl ein Pferd zu „verbessern“, zu fördern und sein Potential zu entwickeln. Natürlich habe ich auch Ambitionen Turniere zu reiten. Turniere geben einem Ziele und Motivation, sich zu verbessern. Ich habe und hatte immer sehr grosse Ziele im Kopf und arbeite auf einem hohen Niveau. Für erfolgreiches Turnierreiten braucht man jedoch enorme finanzielle Unterstützung und ein solides Team von Vier- und Zweibeinern - und momentan bin ich noch nicht soweit. Kollegiale Unterstützung und Zusammenarbeit halte ich auch für wichtig. Es ist sehr schwierig ganz alleine etwas erfolgreich aufzubauen. Gespräche, Diskussionen, Beobachtungen sind nötig, egal auf welcher Stufe.
Momentan ist es mein Ziel, „Cruise GTI“ auf Intermediate-Level (CNC**) zu bringen und im September an einem CCI* teilzunehmen.

„Que veux tu?“ hat ihre ersten Pre-Novice (ca. B2) bestritten und ich möchte sie gerne noch diese Saison auf den Novice-Level (CNC*) bringen.

Leider hat sich „Foxy Sox“ verletzt. Mit ihm hatte ich vor, beim CCI** in Hartpury teilzunehmen und dann eine Advanced (CNC***) zu reiten. Foxy ist ein ganz besonderes Pferd für mich. Er hat vieles erlebt und mir das gebracht, was ich brauchte. Schade, dass ich ihn nicht ein paar Jahre frueher kennengelernt habe... sein Körper hat einfach schon viel mitgemacht und braucht etwas Ruhe.

Ja, dann ist noch „Boris“, er ist 5Jahre alt (Smart Line). Boris macht momentan kleine 'Freie Prüfungen'. Er ist körperlich begabt, braucht aber etwas mehr Zeit. Das Registrieren bei British Eventing ist teuer, und man kann auch gut Erfahrungen sammeln bei inoffiziellen Prüfungen.
Ideal wäre es natürlich, wenn ich 5-6 Sportpferde hätte. Zwei bis drei jüngere, ein bis zwei Intermediate- und ein Advanced- horse... momentan ist es schwierig Besitzer zu finden, die in den Pferdesport investieren wollen. Das finanzielle Klima drückt extrem auf unseren Sport und es fehlen mir die nötigen Sponsoren.

Meine Ambitionen in der Dressur sind folgende: Ich möchte mich mit Chance Encounter auf Stufe M für die Regionalen Championships qualifizieren und ihn auf den nächsten level Advanced Medium bringen. In dieser Disziplin habe ich einen Unterstützer gefunden und ich bin momentan auf der Suche nach einem guten jungen Pferd für die Zukunft. Meine Pläne für die Zukunft (longterm plans) in beiden Disziplinen sehen etwas ehrgeiziger aus, aber wie gesagt „ich bin leider noch nicht soweit“ ...Darum heisst es für mich nun erst einmal: „For now, I will do what I can and enjoy what I’ve got!“

Mein Hof bietet Unterkunft für Pferde und Reiter. Wir sind hier im Herzen des Geschehens. Ich würde diese „Chance“ gerne teilen, da ich mir sicher bin, dass es für alle Seiten hilfreich wäre.

Was ist deine Philosophie hinter deiner Arbeit mit Pferden und Menschen? Gibt es Grundsätze, Leitlinien, die du in deiner täglichen Arbeit beachtest?
Meine Philosophie: Meine Faszination für Pferde begann als ich jung war. Eine Liebe zum Tier, egal woher es kommt und wie erfolgreich es an einem Turnier ist. Diese Einstellung möchte ich nie verlieren. Den Respekt und die Anerkennung des Lebewesens. Natürlich ist es mein Traum, erfolgreich auf höchstem Niveau reiten zu können. Wichtig aber ist mir, dass die Pferde bei und mit mir glücklich sind. Nicht jedes Pferd kann und will, was wir wollen und das muss man erkennen und respektieren können. Das schönste Gefühl ist es, in Harmonie mit einem Pferd zu sein und das Beste aus ihm herausholen zu können.
Bliebst du während der vielen Jahre in England in Kontakt mit der Schweiz? Wenn ja: auch mit der Reiterei? Was bewog dich dazu, die Verbindungen zur alten Heimat Schweiz wieder etwas zu intensivieren? Hast du eine Botschaft für die Schweizer Eventers?
Meine Jahre hier in England waren und sind intensiv. Glücklicherweise habe ich nun sehr gute Hilfe im Stall und kann gewisse Arbeiten meinen Angestellten überlassen. Nun habe ich die Möglichkeit mich mehr auf die Entwicklung und die Zukunft meiner Arbeit zu konzentrieren. Obwohl ich mich hier sehr „zu Hause“ fühle, bin ich noch immer eine „stolze“ Schweizerin und würde gerne eine Verbindung und einen Kontakt zur Schweiz herstellen. England bietet die besten Möglichkeiten in Bezug auf den Militarysport und auch bezüglich Training. Es würde mich freuen, wenn ich anderen Schweizern helfen könnte. Falls jemand Interesse hat, sich in England für einige Zeit aufzuhalten, wendet Euch doch an mich! Alles Gute, and a hello to Switzerland from Christina!

christina.wiederkehr@googlemail.com